Behauptung, Vorurteil:
"Das deutsche Existenzminimum ist eine Zumutung!"
Gegendarstellung:
Heute steht einem
Hartz-IV-Kind mehr zu als in den goldenen 1950er Jahren einer
fünfköpfigen Familie! Ich habe damals als Kind die
Wirtschaftswunderzeit miterlebt. Niemand hat damals von Armut
geredet, obwohl sich die Menschen nur das Allernotwendigste leisten
konnten. Es gab damals keine Tafeln, keine Kleiderkammern, nicht
einmal Kindergeld, natürlich auch keinen Wohngeldzuschuss
oder was auch immer. Das karge Gehalt des in der Regel
alleinverdienenden Vaters musste für die ganze Familie reichen.
So war man froh, wenn man mal das Margerinebrot mit Zucker bestreuen
durfte und es sonntags für die Kinder vielleicht sogar etwas
Fleisch gab (ein halbes Würstchen). Bekleidung wurde
aufgetragen, evtl. mehrfach gewendet und umgearbeitet. Dennoch bin
ich der Meinung, dass wir Jugendlichen damals ein besseres (und
gesünderes) Leben hatten als heute. Kaum jemand hat den Luxus
der Reichen vermisst. Man war zufrieden mit dem Wenigen, das man
hatte.
Das heutige
Anspruchsdenken ist mir zuwider! Für jedes Kind einer
Hartz-IV-Familie erhalten die Eltern schon einmal als Grundstock
mindestens 300 Euro in bar, neben dem Anspruch auf 15 qm
zusätzlichem Wohnraum natürlich (die Warmmiete
übernimmt das Amt). Und es gibt ein ganzes Arsenal
von zusätzlichen Fördertöpfen
für Sonder- und Härtefälle. Wenn es anklagend
heißt, Hartz IV mutet Eltern zu, ihre Kinder für 2,70 Euro
am Tag zu ernähren, so ist das schon eine dreiste
Verklärung. Wenn ein Kind zehn Euro täglich allein an
regulären Barleistungen erhält, kann fürs Essen auch
mehr als 2,70 Euro ausgegeben werden.
Welches Existenzminimum gilt in osteuropäischen
Ländern?
Wie abgehoben das
deutsche Existenzminimum ist, merkt man bei einem Vergleich mit
Osteuropa. Viele Großfamilien wären froh, wenn sie an
staatlichen Zuwendungen das erhielten, was in Deutschland einem
einzigen (Armuts)kind zugestanden wird. Ich halte die deutsche
Interpretation von Armut daher für ein äußerst
arrogantes Anspruchsdenken.
Radikale Umschichtung: Erwerbslosenfamilien geht es finanziell oft besser als entsprechenden Doppelverdienerhaushalten. Welch eine Sogwirkung löst allein dieser moralisch äußerst bedenkliche Umstand aus? Dient es der Menschenwürde, wenn hart arbeitende Berufstätige bis zum Umfallen malochen müssen, um mit ihren Abgaben das Dolce Vita krimineller Familienclans zu finanzieren? Mein Vater hat als Alleinverdiener mit seiner Hände Arbeit ohne jegliche soziale Hilfen (Kindergeld gab es damals nicht) sich selbst, seine Frau und seine sechs Kinder ernährt. Heute würden bei gleicher Konstellation einer Hartz-IV-Erwerbslosenfamilie monatlich ca. 3300 Euro netto Bargeld + Warmmiete für eine 150-qm-Wohnung + ca. 1500 Euro an Sonderhilfen zustehen (insgesamt also ca. 6300 Euro netto). Die 6300 Euro gelten in unserem weltoffenen Sozialstaat als Existenzminimum. Wie soll sich Arbeit da noch lohnen? In welch abgehobener Konsumwelt leben wir? Und warum gilt das von Sozialarbeitern betreute Existenzminimum nicht für Freiberufler, Selbstständige, Minirentner usw.?
Impressum
© Manfred Julius Müller, Flensburg,
Erstveröffentlichung April 2021
Anmerkung:
Der Sinn einzelner Thesen erschließt sich oft erst im
Zusammenhang mit anderen Artikeln des Autors. In einem einzelnen
Aufsatz können nicht jedesmal alle Hintergründe und
Grundsatzüberlegungen erneut eingeflochten werden.
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Maulkörbe, Einschüchterung, Mobilisierung der Massen,
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